Jüdischer Friedhof in Fürth

Jüdischer Friedhof in Fürth

 

Rezension von Bernd Noack, erschienen 2008 in „Bayerische Staatszeitung“

Bei all den Feierlichkeiten zum 1000jährigen Jubiläum, die Fürth im vergangenen Jahr ausrichtete, wurde fast ein weiteres „rundes“ Datum übersehen, das allerdings für das liberale Selbstverständnis und die Identität der Stadt ein wichtiger Markstein ist: vor 400 Jahren, im November 1607, fand auf dem – heute „alten“ genannten – jüdischen Friedhof am Rand der Altstadt das erste Begräbnis statt. Bis 1936 gab es hier etwa 20000 Beerdigungen; heute existieren noch ca. 6200 Grabsteine.

Gisela Naomi Blume, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde in Fürth, ist seit Jahren damit beschäftigt, die Ruhestätten und Grabsteine, die teilweise eingesunken, verwittert und unleserlich sind, die sich zwischen dichtem Baumbestand und wucherndem Gestrüpp befinden, zu registrieren, zu entziffern, zu katalogisieren. Über 7000 Fotografien hat sie von den Gräbern gemacht, einer Puzzlerarbeit gleicht die Zuordnung der noch lesbaren Namen und Daten zu einst hier lebenden Fürther Juden. Jetzt ist Blumes Arbeit als Buch erschienen: eine faszinierende Spurensuche bis zurück zu den Anfängen jüdischen Lebens in Franken.

Herzstück des 400 Seiten dicken Buches ist die Dokumentation von 240 Grabstätten, wie sie heute noch auf dem Friedhof zu sehen sind: jeweils ein Foto des Grabsteins, die Wiedergabe der meist hebräischen Inschrift, die Übersetzung ins Deutsche, dazu die Biografien und Daten, die Verwandt-

schaftsverhältnisse und alten Adressen der Verstorbenen – Gisela Naomi Blume hat akribisch in den Matrikel-Listen, Einwohner-Meldebögen und  Geburtsregistern gesucht und geforscht. Weitere Informationen fand sie in Testamenten oder auch in hiesigen und weit entfernten Archiven (Jerusalem, Cincinnati).

„Mein Interesse an diesem Friedhof hat im Jahr 1992 angefangen, “ sagt sie, „als ich auf einer Studienreise jemand kennenlernte, der sehr begeistert von der jüdischen Geschichte seines Heimatortes erzählte. Ich bin dann das erste Mal hierher gekommen und war fasziniert von dem Platz, von der hebräischen Schrift, die ich unbedingt lernen wollte.“ Am Anfang sah sie in ihrem Engagement einen rein heimatkundlichen Beitrag: „Und erst als mir hier die ersten Angehörigen begegnet sind, die Gräber ihrer Vorfahren suchten – und man kann sich vorstellen, in einem Areal von 20.000 Quadratmetern, mit noch existierenden 6200 Gräbern und Grabsteinen, hat man kaum eine Chance –, habe ich dann verstanden, dass die Aufgabe weit darüber hinaus geht, dass ich eben für diejenigen, die heute durch die geschichtlichen Ereignisse nicht mehr hier leben und sich nicht selber zurechtfinden, ein Inventar, einen Lageplan erstellen will, um denen die Gräber ihrer Vorfahren zeigen zu können."

Landmann, Kohn, Ullstein, Berolzheimer, Katz, Hirschmann, Wassermann – viele Namen auf den wiederaufgestellten Grabsteinen waren leicht zu entziffern, Geburts- und Sterbedaten, Berufe, Segenssprüche lassen sich lesen. Dazwischen aber – und es ist der Großteil – stehen die Steine, die für jeden Besucher ein Rätsel bleiben: Bruchstücke sind es oft nur noch, und auf der bröckelnden Sandstein-Oberfläche erkennt man höchstens bei der für Momente nur im richtigen Winkel stehenden Sonne ein paar kryptische Gravuren, verwischte Buchstaben und Silben, ein paar fremde Zeichen, die zunächst keinerlei Sinn ergeben wollen. 

„Eine junge Israelin, Nurit Kornblum, die die hebräischen Schriften transkribiert und übersetzt hat, ist zeitweise mit den Fingern über die Grabsteine gegangen und hat wie ein Blinder, mit geschlossenen Augen, versucht, die Schrift noch zu ertasten und zu erahnen,“ sagt Gisela Naomi Blume.

Festgehalten sind in dem Buch (in dem es Kapitel über jüdische Begräbnis-Riten ebenso gibt wie Erklärungen der verschiedenen Zeichen und Symbole auf den alten Steinen) aber auch die „Entwicklungsstufen“, die Vergrößerungen, die notwendigen und die mutwilligen Veränderungen des Friedhofs, der ungewöhnlicher weise auf einem Areal mitten in der Stadt liegt. Das machte ihn freilich auch immer wieder zum leicht zugänglichen Schauplatz antisemitischer Umtriebe im nicht immer ganz so liberalen Fürth. Blume erzählt ausführlich aus der Geschichte dieses „guten Ortes“,

 

wie die Juden ihre Friedhöfe, diese „Häuser der Ewigkeit“, auch nennen, bis hin zu den Schändungen während der Nazi-Zeit: ohne Rücksicht wurden da Mauern und Einfriedungen eingerissen, Gräber planiert, Steine für Bauzwecke  verwendet; 1943 wurde sogar auf einem Teil des Areals ein Löschwasserteich angelegt.

Dass es dann allerdings auch noch Fotografien aus unserer Zeit gibt (von 1978 oder 1992), auf denen mit Hakenkreuzen beschmierte Grabsteine zu sehen sind, beweist freilich, dass eine Dokumentation über einen jüdischen Friedhof  in Deutschland immer noch weit mehr als nur ein „heimatkundlicher Beitrag“ ist.